Galina talks about her childhood, the first tunes on the piano and her true love

Interview:

Mit Musik die Herzen öffnen

Galina Vracheva Urech ist international bekannte Konzertpianistin, Komponistin und Musikdozentin. Die Zwiesprache mit dem Publikum ist ihr das Wichtigste – sie fühlt sich als Pianistin in der Rolle einer Gastgeberin, die ihrem Gast nur das Beste bieten will.

Mit Galina Vracheva Urech
sprach Dominique Bühler

Galina Vachreva, Sie sind Konzertpianistin, Komponistin, Dozentin und lieben dabei das Improvisieren zu Volksmusik über alles. Wie haben Sie für sich diese Liebe entdeckt?
Volksmusik hat mich schon immer angezogen. Sie sagt so viel aus über die Menschen und ihre Art zu leben, geprägt von ihrer Kultur und ihrer Landschaft. Als Kind war mir die bulgarische Volksmusik sehr vertraut. Bevor ich in die Schule kam, war ich oft bei meinen Grosseltern auf dem Dorf. Meine Grosseltern hatten zwar ein Radio, doch sonst kaum einer im Dorf, weshalb das Radioprogramm tagsüber über grosse Lautsprecher auf dem Dorfplatz übertragen wurde. So hörten wir beim Spielen draussen beinahe ununterbrochen Musik. Später merkte ich, dass mir die Volksmusik einen Zugang zu den Menschen verschaffte. Dass ich sie über die volkstümliche Musik ihres Landes besser verstehen konnte. Als ich in die Schweiz kam, verstand ich über die Musik: Die Schweizer sind ein Volk, das oft mit der Natur zu ringen hatte, ihr Leben früher war hart, ihre Sehnsucht nach mehr Leichtigkeit gross. In ihrer Volksmusik gibt es deshalb einerseits viele schwermütige Lieder, andererseits aber auch extrem viele Freudentänze.

Gilt dies für die urbanen Schweizer heute auch noch?
Vielleicht wird es über die Globalisierung ein wenig verloren gehen. Doch noch ist es sehr stark. Wenn ich an einem Konzert das Publikum frage, zu welchem Volkslied ich improvisieren soll und dann zu spielen beginne, spüre ich, wie ich damit die Menschen wohltuend berühren kann, wie es über die Musik gelingt, ihre Herzen zu öffnen und sie froh zu machen. Dazu muss ich das Land nicht so gut kennen. Mein intensivstes Erlebnis hatte ich dazu in Peking. Ich lerne nun Chinesisch, aber damals fragte ich das Publikum noch auf Englisch, ob mir jemand ein Volkslied vorsingen würde, damit ich dann dazu improvisieren könne. Nach einiger Zeit traute sich eine Frau zu mir auf die Bühne und begann ein wenig schüchtern ein Lied zu singen. Nach der ersten Strophe standen alle im Saal auf und sangen mit. Das ist sehr schön.

Wie lernt man zu improvisieren?
Im stillen Kämmerlein liebte ich es immer schon. Und ich wusste dabei auch: Alle grossen Komponisten improvisierten regelmässig – Mozart, Liszt, Brahms, Beethoven und andere. Erst in unserer Zeit ist der Anspruch an die Perfektion so gross geworden, dass für die Improvisation kaum Platz bleibt. Denn natürlich ist bei einer Improvisation das Risiko des Imperfekten viel höher. Deshalb braucht es viel Mut, dies öffentlich zu tun. Als Dozentin muss ich deshalb in erster Linie die Persönlichkeit meiner Studenten stärken. Sie müssen ihr spielerisches Handwerk gut beherrschen und lernen, extrem wach zu sein, das Publikum zu spüren und gleichzeitig authentisch zu bleiben.

Sagten Sie deshalb in einem Radiointerview, Sie möchten immer wach bleiben?
Nicht nur. Kurz vor dem Krieg in Syrien hatte ich ein Konzert in Damaskus. In der Stadt war die Spannung unter den Menschen zu spüren. Viele Sicherheitsleute verstärkten diese aufgeheizte Stimmung zusätzlich. Da wurde mir plötzlich sehr bewusst, dass auch wir Künstler, ich persönlich als Künstlerin, ein Teil der Gesellschaft bin. Dass nicht einzig die Politiker und einflussreichen Wirtschaftsleute für alles verantwortlich sind, sondern wir alle. Ich habe da zusammen mit dem Musiker Kinan Idnawi eine Improvisation gespielt, in der wir versuchten, die arabische und westliche Welt über die Musik zu einem Einklang zu bringen – es war sehr anregend, diese gemeinsame Musik zu finden. Und ich merkte, ich kann, wenn auch nur im Kleinen, konkret mit meiner Musik dazu beitragen, dass menschliche Gemüter
offener und weiter werden. Das bringt eine friedliche Stimmung, in der jeder selbst leben möchte und auch den andern leben lassen kann. Dafür möchte ich gerne immer wach bleiben, es weiter tun und es nicht bei einem Augenblick belassen. Wach sein, weiter lernen und Ideen kreieren, um mich damit für mein persönliches Glück erkenntlich zu zeigen und es meinem Publikum weiterzugeben.

Sie sind in Bulgarien aufgewachsen, waren in Moskau in einem Musikinternat. Wurde da gelebt und leben gelassen?
Was mich betrifft schon. Ich bin ein Glückskind. Obwohl niemand in der Familie beruflich Musik machte, war die Musik in meiner Familie. Mein Grossvater sang sehr schön. Und als ich, noch ganz klein und bloss mit einem Finger, einem Spielzeugklavier kleine saubere Melodien zu entlocken vermochte, wurden meine Eltern aufmerksam und suchten einen Lehrer, der mein Talent überprüfen sollte. Sie fanden einen pensionierten Orchesterdirigenten, Borislav Blagoev, der schnell feststellte, dass ich über ein absolutes Gehör verfügte. Er sagte zu, mich zu unterrichten.

Wie alt waren Sie da?
Ich war erst vier Jahre alt und noch bevor ich in die Schule kam, hatte er mir spielerisch die ganze elementare Musiklehre beigebracht. Später hörte ich von seiner Tochter, er sei damals nach Hause gekommen und habe gesagt, er habe ein Mädchen kennengelernt, das höre wie ein Tier, und das wolle er nun unterrichten, doch noch habe er keine Ahnung wie, denn es sei noch so klein, habe winzige Hände. Da ich gerne Akkordeon spielen wollte, weil ich eines gehört hatte an einem Dorfkonzert, setzten meine Eltern alle Hebel in Bewegung, um mir ein Kinderakkordeon aus Westberlin zu besorgen. Das war nicht einfach damals in Bulgarien, doch sie haben es geschafft. Als ich das Stipendiat für das Internat gewonnen habe, war es keine Frage, dass ich diese Chance nutzen würde, auch wenn es mir erst schwer viel, alleine in die Fremde zu reisen. Meine Familie bekam auch keine Reiseerlaubnis, um mich in dieser Zeit zu besuchen. Auf dem Internat war es nicht immer einfach, es herrschte viel Konkurrenz, wenig Freundschaft. Doch ich musste da durch und wollte es auch. Moskau war für mich auch der Ort der grossen Komponisten, der Orchester-, Opern- und Theaterwelt und vieler kulturellen Veranstaltungen aller Art.

Später studierten Sie erst in Sofia, dann in München. Warum kamen Sie nach Zürich?
Über die Liebe. In München habe ich meinen Mann kennengelernt und bin ihm in seine Heimat gefolgt, die durch ihn auch meine geworden ist. Zürich war mir von Beginn weg lieb. Schon in meiner Studentenzeit hatte ich die Zürcher Novellen von Gottfried Keller gelesen. Ich mag sie sehr. In Zürich kam mir dann die Idee, eine Oper über Gottfried Kellers Leben zu komponieren – als persönlichen Dank von mir, weil er mir mit seinen Geschichten einen wunderbaren Zugang zur Schweizer Seele ermöglicht hat.

Der Zolliker Kulturkreis kann sich sehr geehrt fühlen, dass Sie sich zwischen Konzerten in Hamburg und Linz Zeit nehmen, im Gemeindesaal aufzutreten.
Das Schöne an meinem Beruf ist, dass ich immer wieder vor einem neuen Publikum auftreten kann. In jedem Land und egal ob in kleinerem oder grösserem Rahmen, jedes Publikum ist anders, jedes gilt es zu spüren, es als Gegenpart in mein Spiel aufzunehmen. Wenn ich ein Stück eines Komponisten spiele, weiss ich dabei stets: Die vielen Facetten
des Zuhörens gelten ihm. Wenn ich aber improvisiere, gelten sie mir. In den winzig kleinen
Pausen zwischen meiner Musik höre ich genau, wie das Publikummreagiert, wie es zuhört und ob unser Spiel stimmt. Ich bin gespannt auf das Zusammenspiel mit den Zollikern.

Zolliker Bote, 30. Januar 2015

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